Ein Garten aus Stein und Schatten
Die älteste Uhr der Welt hat kein Räderwerk. Nur einen Stab, ein wenig Sonne und Geduld. Komm herein und sieh sie Dir an.
Jetzt ist es Nacht über Europa, und eine Sonnenuhr schweigt, wenn keine Sonne da ist. Am Morgen legt sie ihren Schatten wieder auf den Stein.
Wie sie arbeitet
Eine Sonnenuhr misst keine Zeit. Sie zeigt, wo die Sonne gerade steht, und das genügt vollkommen.
Er heißt Gnomon, das griechische Wort für den Erkenner. Steht er richtig, dann zeigt er genau dorthin, wo sich der Himmel zu drehen scheint, zum Polarstern.
In vierundzwanzig Stunden dreht sich die Erde einmal ganz herum. Das sind fünfzehn Grad in jeder Stunde, gleichmäßig, ohne Eile.
Auf der Platte sind die Stunden eingeschlagen. Wo der Schatten liegt, dort ist die Stunde. Es gibt nichts zu bedienen und nichts, was kaputtgehen kann.
Was im Garten steht
Jede beantwortet dieselbe Frage auf ihre eigene Weise, und jede hat ihren eigenen Platz: den Rasen, die Hauswand, die Westentasche.
Ihr Zifferblatt liegt parallel zum Äquator, der Stab zeigt zum Himmelspol. Darum wandert ihr Schatten gleichmäßig: genau fünfzehn Grad in jeder Stunde. Die ehrlichste von allen, und die leichteste zu verstehen.
Die klassische im Garten, flach auf ihrem Sockel aus Stein. Ihre Stundenlinien liegen ungleich weit auseinander, mittags eng, morgens und abends weit. Jede ist für einen bestimmten Breitengrad geschnitten und passt nur dort.
Sie hängt an der Hauswand, meist nach Süden gewandt, oft gemalt und mit einem Spruch darunter. Wer an einem alten Rathaus oder einer Kirche hochschaut, findet sie überraschend häufig.
Sie hat gar keinen festen Zeiger. Du selbst bist der Stab: Du stellst Dich auf das heutige Datum, und Dein eigener Schatten fällt auf die Stunde. Man findet sie auf Schulhöfen und in Kurparks.
Eine Schale, in den Stein gehöhlt, mit einem Stift in der Mitte. Der Schatten wandert innen an der Rundung entlang. Uralt, aus der griechischen Welt, und bis heute eine der schönsten Formen.
Zwei Täfelchen aus Elfenbein, dazwischen ein Faden als Zeiger, ein kleiner Kompass eingelassen. Man klappte sie auf, richtete sie nach Norden und trug die Zeit in der Westentasche.
Was auf ihnen steht
Kaum eine alte Sonnenuhr kommt ohne einen Satz aus. Meistens auf Lateinisch, meistens über die Zeit, und fast immer mit einem leisen Ernst.
Horas non numero nisi serenas
Ich zähle nur die heiteren Stunden.
Sine sole sileo
Ohne Sonne schweige ich.
Dum spectas fugio
Während Du schaust, entfliehe ich.
Ultima latet
Welche die letzte ist, bleibt verborgen.
Vulnerant omnes, ultima necat
Alle verwunden, die letzte tötet.
Sol me, vos umbra regit
Mich lenkt die Sonne, Euch der Schatten.
Woher sie kommen
Aus dem alten Ägypten sind die ersten Schattenuhren erhalten: ein waagerechter Balken mit einem aufragenden Querstück, das seinen Schatten auf eine Skala warf.
Anaximander von Milet wird überliefert als derjenige, der den Schattenstab in die griechische Welt brachte. Gnomon heißt schlicht: der Erkenner.
Die Römer brachten eine erbeutete Sonnenuhr aus Catania nach Rom und stellten sie auf. Fast hundert Jahre lang richtete sich die Stadt nach ihr, obwohl sie für eine andere Breite geschnitten war und darum nie ganz stimmte.
An unzähligen Kirchen wurden einfache Halbkreise in die Südwand geritzt. Sie zeigten nicht die Uhrzeit, sondern die Gebetszeiten. Viele dieser Kratzspuren sind noch da, wenn man weiß, wo man hinsehen muss.
Nürnberger Kompassmacher fertigten kunstvolle Klappsonnenuhren aus Elfenbein und verkauften sie durch halb Europa. Eine Taschenuhr, lange bevor es Taschenuhren gab.
Mechanische Uhren gingen ungenau und mussten nachgestellt werden. Wonach? Nach der Sonnenuhr im Garten. Erst die Eisenbahn machte daraus die einheitliche Zeit, die wir heute alle tragen.